INTERVIEW
Fragen und Antworten aus 2 Radiointerviews
Ihr singt englisch! Bewußt?
Jo:
Vor etlichen Jahren hat Max Gold zu diesem Thema geschrieben geschrieben: Das deutsche Publikum gestatte Emotionales nur metaphorisch oder
ironisch verbrämt. Wenn einer singe, er sei einsam müsse er mit Reaktionen rechnen als hätte er die Klotür nicht zugesperrt.
The times they are changing! Heute, in Zeiten sozialer Netzwerke fühlen sie leider allzu viele berufen ihr Innerstes scham-
und gedankenfrei nach aussen zu kehren - Photos durch offene Türen inklusive! So seltsam dass auch klingen mag, richtig
gesetzt sind englische Texte gegen all das Getöse wunderbar leise und angenehm unaufdringlich ...
Viviane:
... und eine Möglichkeit, Gedanken und Gefühle ganz unbefangen in für uns neue Worte zu fassen ...
Jo:
Und überhaupt was soll's? Vivianes Mutter ist Japanerin, ihr Vater ist Deutscher. Für sie war das Englische schon in ihrer Kindheit häufiger Begleiter.
Mein Vater war Ungar.
Also ihr Quotenreiter und Deutschlehrer aufgepasst: Die Welt ist größer als Deutschland! Das mich niemand falsch versteht.
In keiner anderen Sprache werde ich mich jemals so differenziert ausdrücken können wie im Deutschen! Wenn ich eine Zeitlang im Ausland bin,
vermisse ich deutsche Bücher, deutsche Zeitungen und Gespräche, bei denen ich nicht vor jedem Satz eine Minute nachdenken muß, um
Formulierungen zu finden, die das, was ich sagen möchte auch adequat auf den Begriff bringen. Aber für mich ist das Texten in englisch eine schöne und
anspruchsvolle Herausforderung, die nicht nur großen Spaß macht, sondern einen obendrein auch noch zwingt, sehr genau zu überlegen,
was man denn eigentlich sagen möchte ...
Viviane:
... und ganz praktisch gesehen, ist die Sprache für mich auch viel angenehmer zu singen. Sie ist wesentlich vokalreicher und weicher.
Habt ihr musikalische Vorbilder?
Viviane:
Kein Mensch kommt als fertiger Musiker, Autor, Maler oder Komponist auf die Welt. Jeder ist das, was er ist, auch und vor allem durch andere!
Aber der Begriff Vorbild klingt immer irgenwie nach kopieren, nach Poster überm Bett! Natürlich gibt es Künstler, die ich großartig finde, und
irgendwas von diesen Künstlern wird man möglicherweise in dem, was wir machen, wiederfinden. Aber wichtig war und ist für uns, einen
eigenen Zugang zur Musik zu finden.
Jo:
Ich tue mich mit der Beantwortung solcher Fragen auch sehr schwer!
Schon, weil es Dir dann passieren kann, dass dich jemand, der noch nie einen Ton von dir gehört hat,
wahlweise für größenwahnsinng, anmassend, peinlich, typisch, doof oder weiss der Geier was hält - je nachdem.
Es ist doch eher unwahrscheinlich, daß sich man sich beim Hören oder Lesen eines Interviews den
Unterschied von "klingen wie", "sein wollen wie" und "beeinflußt sein
durch" permanent bewußt macht ...
Jo ist doch ein paar Järchen älter als Du, Viviane.
Wie kommt es dazu dass ihr zusammen Musik macht?
Jo:
Den Kontakt herzustellen, war eigentlich ganz leicht. Eine Freundin hatte mich auf Vivi nach ihrem Sieg beim Study-Up Award aufmerksam gemacht.
Die Freundin hat mir Vivis Telefonnummer besorgt und ich hab angerufen. Einfach und unkompliziert. Viel schwieriger war es da schon, das
erste gegenseitige Vorsingen und Vorspielen zu bewältigen.
Viviane:
Ja, das stimmt. Ich habe Jo "Isn't she lovely" von Stevie Wonder und einen meiner Songs vorgespielt und er hat einen
Song aus seiner Feder zum Besten gegeben. Witzig war, dass wir uns unglaublich krampfhaft bemühten, einander nicht anzuschauen (lacht).
... Aber entscheidend ist, dass wir sehr schnell gemerkt haben, dass das auf der musikalischen Ebene super funktioniert.
Dass wir zum Beispiel ähnliche Vorstellungen von Dynamik, Intensität und dergleichen haben.
Ich habe Euer Konzert letztes Jahr im Lutherhaus gesehen.
Ihr habt viele ruhige Stücke gespielt. Das Publikum fands klasse.
Habt ihr damit nie Probleme?
Jo:
Wir haben im letzten Jahr viel unter den unterschiedlichsten Bedingungen gespielt. Von groß z.B. im Vorprogramm von Maximilian Hecker und Katharina Franck (z.B. in Hamburg im Knust) über etwas kleiner (z.B. beim Vocal Heroes Festival in Osnabrück) bis hin zu völlig ungewöhnlich (z.B. bei den 11-Minuten-Konzerten des rock'n'popmuseum Gronau, bei vielen nicht öffentlichen Festen, in kleinen Bars, einmal sogar im Saunabereich eines Schwimmbads). Bislang hat das überall prima funktioniert und nicht selten entsteht gerade bei den eher ruhigen Stücken eine sehr starke, konzentrierte Atmossphäre.
Ist es richtig, dass ihr auch schon mal im Friedenssaal des
Osnabrücker Rathauses zu Gast wart?
Jo:
Ja, aber das war kein Konzert! Wir waren das musikalische Rahmenprogramm bei einer Preisverleihung ...
Viviane:
Eine super Erfahrung waren für uns die 11-Minuten-Konzerte vom rock'n'popmuseum in Gronau und Enschede.
Wir hatten immer genau 11 Minuten Zeit, unsere Musik mitten im Abteil eines Nahverkehrzuges zwischen Gronau
und Enschede zum Besten zu geben. Es gab weder Verstärker noch Mikrofone vor Ort. Wir standen also nur mit
der Gitarre und meiner Stimme mitten im Zug und hatten alle 11 Minuten ein völlig anderes Publikum! Mal Pendler,
mal Studenten, Schüler/Innen, mal shoppingwütige Leute, ganz unterschiedlich. Mit Einigen sind wir dann auch ins
Gespräch gekommen. Die witzigste Situation ergab sich auf einer unserer letzten Fahrten, als ein Musikstudent aus Hilversum
kurzerhand seine Drumpad auspackte und mit uns jamte ....